„Die Zerstörung des Knotens“ oder „Das Knotenkabinett“

Du findest dich in völliger Dunkelheit wieder, als du ins Kabinett eintrittst. Rote Leuchtpunkte zeigen dir Knöpfe. Du drückst sie. Vor dir leuchten plötzlich rote, gelbe und blaue Stränge auf. Sie machen ein unangenehmes Geräusch. Ähnlich wie in einem Rechenzentrum, das Grundlage für unser Internet ist – laufen die Stränge nebeneinander her, trennen sich und finden sich in einem großen Knoten in der Mitte des Kabinetts zusammen. Du drückst wieder ein paar der roten Knöpfe. Die Stränge blinken, erlischen, erleuchten wieder. Du hörst verschiedene Stimmen. Einzeln, durcheinander, alle zusammen. Statements von Politiker*innen. Ein auditiver Knoten sammelt sich in deinem Kopf. Wirre Aussagen über Tötungsdronen, die Umweltkrise und Kohleabbau - Sätze, die im Bundeskabinett gefallen sind.

Hintergrund

Etwa 15 Millionen Klicks hat das einstündige Video „Die Zerstörung der CDU“ auf YouTube. Es wurde kurz vor der Europawahl vom YouTuber REZO hochgeladen. Darin spricht er das Versagen der großen Volksparteien an: in verschiedenen Themen wie Klimapolitik oder auch Menschenrecht. Experten glauben, dass REZO mitverantwortlich für das schlechte Wahlergebnis von CDU und SPD in 2019 ist. Das vielgeklickte Video von REZO hat die politischen Probleme Deutschlands in den jüngeren Mainstream gebracht. Und wir sehen den gewaltigen Konflikt, den wir lösen müssen. Es ist nötig, die verschiedenen Fäden der Politik genauer zu beleuchten – quasi „Licht ins Dunkel“ zu bringen. Und genau dafür scheint Social Media eine starke Waffe zu sein.
Dieser Knoten wird nicht leicht zu lösen sein und wir haben leider kein magisches Schwert, wie es bei der Sage vom gordischen Knoten eingesetzt wurde. Auch in vielen anderen Sagen und Märchen war ein Knoten schon immer ein Sinnbild von einem Problem: nur schwer und mit viel Geduld zu lösen. Man muss die Fäden selbst in die Hand nehmen, um ihn zu lösen. Meine mobile Blackbox wirkt in ihrer Anmutung skurril – wie ein Gruselkabinett. Das Bundeskabinett, das in den letzten Monaten Worte verloren hat, wie Tötungsdronen oder Zensur, wirkt genauso unwirklich und skurril auf mich.
Auch in unserem Alltag hat ein Klick viel Macht: Zum Beispiel schon durch einen „Daumen nach oben“ auf ein Video oder ein Kommentar in YouTube oder Facebook. Und eigentlich ist das die direkteste Form von Demokratie, die es je gab. Während mein/e Betrachter*in die einzelnen Stränge beleuchtet, wird er/sie den Knoten entdecken, der sich auftut. In grellen, schrillen Farben. Wie im Alltag kann mein/e Betrachter*in den Knoten durch seine/ihre Handlung verändern. Hier ist es ein Klick oder ein ziehen am Draht, im Alltag ist es ein Kreuzchen auf dem Wahlzettel oder Schritte in einer Demo. Meine Installation muss aber nicht politisch gesehen werden. Knoten findet jeder auch bei sich selbst: Sie können Ängste, Zweifel oder Schuldgefühle sein. Auch solche Knoten müssen erst ans Licht kommen, um sie bearbeiten und lösen zu können. Und letztendlich liegt es immer an einem selbst, ob und wann man es zulässt.
"Das Knotenkabinett" oder "Die Zerstörung des Knotens" wurde im Sommer 2019 an der Universität Augsburg ausgestellt.